©iStock/Pektoral

Biologie Gute Nachrichten für Rosenkohl-Verweigerer

Bittere Lebensmittel sind bei vielen Menschen unbeliebt. Dabei können Bitterstoffe positive Wirkungen entfalten und müssen beim Essen nicht einmal zu schmecken sein. Denn manche entstehen erst im Magen.

von Phil Richter

Schon als Kind war ich wenig begeistert, wenn es in der Küche nach Rosenkohl roch. Meine Abneigung gegen den bitteren Kohl hat sich bis heute nicht gelegt. Das ist nicht überraschend und aus evolutionärer Sicht sogar sinnvoll, denn Bitterkeit kann als Warnsignal vor giftigen Substanzen schützen. Viele Pflanzen bilden Bitterstoffe, um Fressfeinde abzuschrecken, und auch unser Geschmackssystem reagiert darauf mit Vorsicht. Dabei werden Bitterstoffen schon lange positive Effekte auf unsere Gesundheit zugeschrieben, während ihre genauen Wirkungsweisen erst allmählich entschlüsselt werden.

Um das zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Art und Weise, wie Geschmack wahrgenommen wird. Mit der Zunge unterscheiden wir die fünf grundlegenden Geschmacksqualitäten süß, salzig, sauer, bitter und umami (den würzigen Geschmack, den man etwa von Sojasoße oder Parmesan kennt). Die dafür verantwortlichen Rezeptoren sitzen auf Geschmackszellen in den Geschmacksknospen. Trinken wir zum Beispiel Kaffee, binden bestimmte Moleküle an Bittergeschmacksrezeptoren. Das setzt in der Zelle eine Signalkette in Gang, und im Gehirn entsteht die Wahrnehmung: „Das ist bitter.“

Lange Zeit ging man davon aus, dass die Rezeptoren für Bitterkeit ausschließlich auf der Zunge vorkommen. Doch vor etwa 20 Jahren machten Forschende eine überraschende Entdeckung: Die gleichen Rezeptoren fand man unter anderem auch in der Lunge, in Verdauungsorganen, auf Blutzellen und sogar im Gehirn. Interessanterweise unterscheiden sich diese Rezeptoren überhaupt nicht von denen auf der Zunge. Nur können weder Lunge noch Blutzellen Geschmack wahrnehmen. Warum also gibt es dort Bittergeschmacksrezeptoren? Auch hier kam in den vergangenen Jahren zunehmend Licht ins Dunkel. Studien zeigen nämlich, dass einige dieser Rezeptoren im Magen-Darm-Trakt eine Rolle bei Verdauungsprozessen spielen. Dort können bestimmte Bitterstoffe unter anderem die Bildung von Verdauungssäften anregen und über die Freisetzung von Hormonen Sättigung und Appetit beeinflussen.

Es entsteht der Eindruck, dass Menschen, die bittere Lebensmittel meiden, auf mögliche gesundheitliche Vorteile von Bitterstoffen verzichten müssen. Genau hier setzt die Idee meiner Forschungsarbeiten am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München an. Wir suchten nach Lebensmitteln, die nicht bitter schmecken, während der Verdauung aber in bittere Bestandteile mit möglicherweise positiver Wirkung auf die Gesundheit umgewandelt werden.

Eine geeignete Stoffklasse für diese Untersuchungen sind Proteine, die in nahezu allen Lebensmitteln vorkommen. Im Magen werden sie in kleinere Bausteine gespalten, in sogenannte Peptide und Aminosäuren. Schon lange ist bekannt, dass diese Bausteine nicht nur am Muskelaufbau beteiligt sind, sondern vielfältige biologische Funktionen übernehmen können. Es gibt zum Beispiel Peptide, die den Blutdruck senken oder Entzündungen im Körper beeinflussen. Für meine Forschung besonders relevant ist jedoch, dass einige Peptide für ihren bitteren Geschmack bekannt sind.

Beispielhaft untersuchten wir die beiden Proteine Casein und Thaumatin. Casein ist geschmacksneutral und in Milch und Milchprodukten wie Käse und Joghurt enthalten. Das pflanzliche Thaumatin stammt aus den Früchten des Katamfe-Strauchs und schmeckt extrem süß. Ein Teelöffel Thaumatin besitzt etwa die Süßkraft von acht Kilogramm Haushaltszucker und wird daher als Süßstoff in Kaugummis oder Süßwaren eingesetzt.

Im Labor simulierte ich die Verdauung von Casein und Thaumatin in künstlichem Magensaft bei der normalen Körpertemperatur von 37 Grad Celsius. Bereits nach 15 Minuten ließen sich erste Peptide nachweisen. Ausgewählte der während der Verdauung entstandenen Peptide nahmen Studienteilnehmende in anschließenden Geschmackstests eindeutig als bitter wahr. Das bedeutet, dass Casein und Thaumatin auf der Zunge keine bittere Empfindung auslösen, im Magen jedoch ziemlich schnell in bittere Bestandteile gespalten werden.

Phil Richter reicht einem hinter dem Schiebetürchen sitzenden Probanden einen Fragebogen für den Geschmackstest.
© aha! film/Christopher Stöckle
Phil Richter reicht einem hinter dem Schiebetürchen sitzenden Probanden einen Fragebogen für den Geschmackstest.

Die Frage lautete nun, ob diese bitteren Peptide am Ort ihrer Entstehung, nämlich im Magen, eine Wirkung entfalten. In weiteren Laborexperimenten behandelte ich menschliche Magenzellen mit den bitteren Peptiden. Diese reagierten mit einer verstärkten Säurefreisetzung, die im menschlichen Körper auf eine Anregung der Verdauung hindeuten kann.

Wurde die Funktion der Bittergeschmacksrezeptoren in den Zellen jedoch durch molekularbiologische Methoden gezielt eingeschränkt, verschwand auch der stimulierende Effekt der Peptide. Aus diesen Ergebnissen schlossen wir, dass die von uns untersuchten bitteren Peptide die Verdauung über Bittergeschmacksrezeptoren im Magen anregen können.

Darüber hinaus untersuchte ich, ob diese Peptide einen positiven Einfluss auf Entzündungen haben. So kann das Bakterium Helicobacter pylori, das etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in sich trägt, zu chronischen Entzündungen und Magengeschwüren führen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Im Labor reagierten die Magenzellen auf H. pylori mit der Freisetzung des Entzündungsmarkers Interleukin-17A. Das ist ein Signalstoff, der auch bei infizierten Patient:innen nachweisbar ist. Wird er in zu großen Mengen ausgeschüttet, kann er die Magenschleimhaut schädigen. Die zusätzliche Behandlung der Zellen mit den bitteren Thaumatin-Peptiden reduzierte die H.-pylori-abhängige Freisetzung von Interleukin-17A deutlich. Auch dieser entzündungshemmende Effekt verschwand, sobald die Bittergeschmacksrezeptoren mithilfe molekular-biologischer Methoden in ihrer Funktion eingeschränkt wurden.

Somit schmeckt Casein auf der Zunge neutral und Thaumatin süß, beide werden im Magen jedoch in Peptide und Aminosäuren gespalten, von denen einige bitter schmecken. Diese aktivieren dort Bittergeschmacksrezeptoren, fördern die Verdauung und können gleichzeitig entzündliche Prozesse dämpfen. Dies ist möglich, weil im Magen die gleichen Bittergeschmacksrezeptoren vorkommen, die hier jedoch andere Funktionen als auf der Zunge übernehmen. Folglich muss ein Nahrungsmittel gar nicht bitter schmecken, um potenziell gesundheitsförderliche Bitterstoffe freizusetzen. Für alle, die Bitteres meiden, ist das die gute Nachricht: Es muss kein Rosenkohl sein, um von den positiven Wirkungen der Bitterstoffe zu profitieren.

Zum Thema

Und nach dem Essen ein Kräuterschnaps.

Bitteres tut gut. Oder?

Ohne Bittermandeln sind Christstollen, Amaretti oder Marzipan nur halb so gut. Bedenkt man, dass eben jene Bittermandeln ziemlich giftig sind, weil sie bei der Verdauung Blausäure freisetzen, wird klar, warum es immer heißt, ein bitterer Geschmack sei ein Warnsignal.

Zu Recht, denn schon eine Handvoll Bittermandeln kann für einen Erwachsenen lebensgefährlich sein – weshalb sie nur in völlig ungefährlichen Dosen verarbeitet werden. Auch Zucchini, Kürbisse und Gurken sollte man meiden, wenn sie bitter schmecken. Dann haben sich darin stark schleimhautreizende Cucurbitacine angereichert. Gleiches gilt für Tomaten und
Kartoffeln, die in grünen Bereichen das giftige Solanin einlagern. Auch warnt der bittere Geschmack vieler Wildpflanzen vor einer womöglich tödlichen Gefahr.

Und dann gibt es Rosenkohl, Chicorée und Artischocke, um nur einige der Lebensmittel zu nennen, die unzweifelhaft nicht nur gut schmecken, sondern potenziell auch gesund sind. Ihre bitteren Bestandteile können die Bildung von Speichel und Magensaft anregen, die Produktion von Gallen- und Pankreassaft fördern und die Bewegungen von Magen und Darm steigern. „Was bitter im Mund, ist dem Magen gesund“ soll Hildegard von Bingen einst herausgefunden haben – ihr Wermuttrank wird bis heute gepriesen.

Wer nach dem Sonntagsbraten hingegen „Ein Kraut für die Gesundheit, ein Schnaps für die Seele“ zitiert, tut sich damit nichts Gutes. Richtig ist, dass auch die im Likör enthaltenen Bitterstoffe der Gesundheit förderlich sein können. Leider reizt aber der Alkohol die Magenschleimhaut und belastet die Leber. Zudem betäubt er die Nerven im Magen. Damit nimmt
er zwar das Völlegefühl, verlangsamt aber in Wirklichkeit die Magenentleerung und verzögert die Verdauung. Der Alkohol im Schnaps macht allen Nutzen zunichte. — J. Schüring

Sie verwenden einen veralteten Browser oder haben Javascript in Ihrem Browser deaktiviert.
Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Javascript.
x