„Ich glaube, ich habe diese Stubbornheit“
Die Informatikerin Jiehua Chen forscht und lehrt an der Technischen Universität Wien. Ihr Interesse gilt der Berechnung fairer Entscheidungen, wenn viele verschiedene Menschen unterschiedliche Wünsche und Vorlieben haben. Sorgen macht sie sich um die Wahlen in den USA.
Jiehua, wie kam es dazu, dass du über die historisch so wichtige Abstimmung über die Verlegung des Parlaments- und Regierungssitzes nach Berlin promoviert hast?
Die Idee stammte von dem bedeutsamen Informatiker Toby Walsh, der damals Gast in der Arbeitsgruppe meines Betreuers Rolf Niedermeier war. Ihn interessierten parlamentarische Wahlverfahren und deren Manipulierbarkeit.
Die Frage, ob Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin ziehen, war in der Tat umstritten. Worum ging es dabei genau?
Der Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands, kurz: Einigungsvertrag, war eine historische Abstimmung des Deutschen Bundestages am 20. Juni 1991, bei der die Rückverlegung des Parlaments- und Regierungssitzes von Bonn nach Berlin beschlossen wurde.
Das klingt nach einer einfachen Ja-Nein-Abstimmung. Wo lag die Herausforderung?
Es ging darum, in welcher Reihenfolge die Abgeordneten des Bundestages über fünf Anträge abstimmten. In meiner Arbeit habe ich das Problem auf drei Optionen reduziert. Erstens: Das Parlament zieht nach Berlin, während die Regierung in Bonn bleibt. Zweitens: Beide Häuser ziehen von Bonn nach Berlin. Und drittens: Beide Häuser bleiben in Bonn. Was ich gezeigt habe, ist, dass die Reihenfolge der Abstimmungen über die drei Alternativen für das Ergebnis durchaus eine Rolle gespielt haben kann.
Und glaubst du, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging?
Wichtig ist, dass es hier auf keinen Fall um eine Manipulation geht. Aber es gab womöglich so etwas wie eine Agenda Control, also eine strategisch bewusst gewählte Reihenfolge der Abstimmungen. Am Ende wissen das nur Mitglieder des damaligen Ältestenrates des Bundestages, die das Abstimmungsverfahren vorschlugen. Grundsätzlich hatten sie mit ihrer Auswahl durchaus einen Einfluss auf das Ergebnis. Das gilt übrigens für alle Abstimmungen, die das beschriebene Verfahren verwenden, auch bei mehr als drei Alternativen.
Zur Person
Jiehua Chen kam 1984 im chinesischen Guangdong zur Welt, promovierte an der Technischen Universität Berlin und wechselte nach Forschungsaufenthalten in Israel und Polen an die Technische Universität Wien, wo sie heute als assoziierte Professorin für Algorithmic Social Choice lehrt und forscht. Chen erhielt 2016 den KlarText-Preis im Fachgebiet Informatik. In ihrem Beitrag „Wer hat an der Wahl gedreht?“ beschäftigte sie sich mit der Abstimmung des Deutschen Bundestages über den Umzug von Parlament und Regierung von Bonn nach Berlin.
In diesem Jahr erleben wir wieder besonders deutlich, wie wichtig demokratische Wahlen sind. Das Thema hat dich bis heute nicht losgelassen?
Das stimmt. Mir machen insbesondere die Tendenzen in den USA große Sorgen, wo Wahlkreise vor allem im Sinne der Republikaner manipuliert werden können.
Im Rahmen des sogenannten Gerrymanderings.
Genau. An sich ist die gelegentliche Anpassung von Wahlkreisen ein sehr demokratisches Verfahren. In Deutschland gibt es klare Kriterien. So sollen alle Wahlkreise ungefähr gleich viele Einwohner mit deutschem Pass haben und räumlich zusammenhängen. Bei dem in den USA häufig praktizierten Gerrymandering hingegen geht es um die gezielte Zuschneidung von Wahlkreisen, um einer Partei oder einer Bevölkerungsgruppe einen politischen Vorteil zu verschaffen. Denn dort zählt jede Stimme nur in ihrem Wahlkreis, und die Siegerin oder der Sieger erhält den Sitz. Dort entscheidet die Grenzziehung also unmittelbar über die Machtverteilung.
Ist diese Sorge denn nicht berechtigt?
Aus meiner Sicht nicht. Unsere Methoden stellen in erster Linie ein neues Werkzeug dar, dessen Stärke in der Verarbeitung und der Analyse sehr großer Datenmengen besteht. Das kann ein Mensch nicht. Wir stellen uns damit also auch nicht in Konkurrenz zu den Geisteswissenschaften, sondern sehen unsere quantitativen Ansätze als eine sehr leistungsfähige methodische Ergänzung. Die Maschine ist gut im Automatisieren und objektiven Vermessen, die Kontextualisierung und Bewertung der Ergebnisse muss durch den Menschen erfolgen. Und das ist das Wesen und die Stärke der Geisteswissenschaften.
Die politischen Veränderungen in den USA haben ja auch einen großen Einfluss auf die Arbeit von Forschenden.
Ja, ich sehe mit großer Sorge, wie sich die Arbeitsbedingungen für Kolleginnen und Kollegen dort verschlechtern. Auch ich selbst habe da bereits schlechte Erfahrungen gemacht.
Inwiefern?
Vor einiger Zeit, 2024, bekam ich die Einladung, an der University of California in Berkeley einen Vortrag zu halten. Ich habe rechtzeitig drei Monate vor der Veranstaltung mein Visum beantragt. Aber mein Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung, dass Unterlagen fehlen. Diese Unterlagen waren im ursprünglichen Antrag aber gar nicht angefordert worden. Erst einen Tag vor meiner Abreise habe ich das Visum schließlich bekommen. Ich empfand das als Schikane. Waren die USA früher ein attraktives Ziel für Forschende aus Europa, sind es heute immer mehr amerikanische, die versuchen, nach Europa zu kommen.
Du hast den KlarText-Preis im Fachgebiet Informatik gewonnen. Danach hast du unter anderem in Polen und Israel geforscht. Heute arbeitest du an der TU Wien. Woran genau?
Ich forsche in einem interdisziplinären Forschungsbereich an der Schnittstelle zwischen theoretischer Informatik – oder genauer der Komplexitätstheorie – und sozialen und politischen Fragestellungen.
Das musst du uns ein bisschen genauer erklären.
Gerne! Ein sehr aktuelles Thema dreht sich um die sogenannte partizipative Stadtgestaltung, wie sie bereits in Wien, Paris und vielen anderen europäischen Städten praktiziert wird. Dabei können Bürgerinnen und Bürger eigene Projekte vorschlagen, wie etwa den Ausbau eines Radweges, die Gestaltung eines kleinen Stadtparks im Viertel oder den Bau einer neuen Bibliothek. Das Prinzip basiert auf zwei entscheidenden Aspekten: Einerseits verursacht jedes dieser Projekte Kosten, und wir müssen die Auswahl so treffen, dass das vorgegebene Budget der Stadt nicht überschritten wird – das ist eine typische Frage der Informatik. Andererseits müssen wir die Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger berücksichtigen. Es ist ja nicht sinnvoll, einfach nur die kleinsten Projekte auszuwählen, die am Ende nur wenigen Menschen nützen; das ist dann eher eine sozialwissenschaftliche Frage. Genau an diesem Punkt treffen beide Disziplinen aufeinander, und es entsteht ein echtes Spannungsfeld.
Kann man darüber nicht einfach öffentlich abstimmen lassen?
Man kann nun natürlich einfach die Projekte auswählen, die die meisten Stimmen erhalten haben. Aber hier entsteht das nächste Problem. Es kann nämlich passieren, dass sich dadurch nur noch sehr populäre Projekte durchsetzen. Dann würden bestimmte Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr berücksichtigt. Unser Ziel muss es daher sein, Projekte so auszuwählen, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen proportional vertreten sind. Das macht das Thema aktuell so wichtig und zu einem hoch spannenden, dynamischen Forschungsfeld.
Dein Arbeitsgebiet scheint mir gerade wegen seiner praktischen Anwendungsmöglichkeiten auch ein gutes Beispiel für Wissenschaftskommunikation zu sein.
Ja, absolut. Und ich bin sehr froh, dass mir mein Doktorvater Rolf Niedermeier damals vorschlug, meine Ergebnisse so aufzuschreiben, dass auch Laien verstehen, was ich gemacht habe. Und so bin ich zum Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft gekommen.
Du bist in China geboren und aufgewachsen, hast in Berlin Deutsch gelernt und kommunizierst im Alltag in Englisch. Wenn du deine Arbeit einem breiten Publikum erklären willst, musst du das in einer Fremdsprache tun. Das stelle ich mir sehr schwierig vor.
Ich glaube, ich habe da diese Stubbornheit: Wenn ich etwas überwinden möchte, dann versuche ich das auch. Meine Vorlesungen halte ich in Englisch. Und selbst junge Studierende erreiche ich da sehr gut. Ich möchte in Zukunft auch noch mehr mit politischen Entscheiderinnen und Entscheidern zusammenarbeiten. Schwieriger war mein Vortrag im Rahmen der Kinder-Uni.
Erzähl!
Ja, ich habe Workshops für Kinder zwischen neun und zwölf Jahren organisiert. Es geht dabei um die verschiedenen Wahlsysteme und wie diese funktionieren. Das ist ein wichtiges Thema, weil in diesem Alter die Prinzipien und die Wichtigkeit von Wahlen für unsere Demokratie erlernt werden.
Die Fragen stellte Joachim Schüring
Stichwort Gerrymandering
Anders als in Deutschland bestimmen in den USA in vielen Bundesstaaten die Parlamente selbst über den Zuschnitt der Wahlkreise. Die dort regierende Partei kann die Grenzen der Wahlkreise so verändern, dass die Stimmen der politischen Gegner:innen entweder in wenigen Wahlkreisen gebündelt oder auf viele Wahlkreise verteilt werden. So kann sie mehr Sitze gewinnen, obwohl sie insgesamt nicht mehr Stimmen erhalten hat. Der Begriff geht auf den US-Gouverneur Elbridge Gerry zurück, nach dem 1812 ein Wahlkreis benannt wurde, weil dessen Umrisse an einen Salamander erinnerten.