Essay Der Konflikt

Universitäten werben um Frauen, ermutigen Arbeiterkinder, hissen Regenbogenflaggen. Doch ist gute Wissenschaft tatsächlich abhängig von der Identität der Forschenden?

von Anna-Lena Scholz

Alles war bereit: Studio, Kameramann, Maskenbildnerin. Ich sollte eine wissenschaftspolitische Diskussionsrunde moderieren. Kurz vor Beginn der Aufzeichnung lief einer meiner Diskutanten auf mich zu. Ein Professor, der Chef einer großen Forschungsorganisation. Ich hatte ihn schon öfter interviewt, ich trug einen Hosenanzug, ich hatte Moderationskarten in der Hand, ich war startklar für die Bühne. Er begrüßte mich mit den Worten: „Hallo! Sind Sie die Maske?“

Erst war ich sprachlos, dann wütend, dann neugierig. Nichts gegen den Beruf der Maskenbildnerin. Nur: Was war da gerade passiert? In jener Sekunde, in der sein Gehirn den Kurzschluss machte: Da steht eine Frau – die muss irgendwas mit einer Dienstleistung zu tun haben – mit Optik, mit Körperlichkeit – jedenfalls nichts mit Intellekt.

Warum wirkt die Wissenschaft noch immer wie ein System, in dem Frauen nicht selbstverständlich dazugehören? Ich habe den Professor Monate später angerufen und mit dieser Frage konfrontiert. Damit, dass mich seine Reaktion gezwungen hat, über mein Frausein nachzudenken – während er unbelastet blieb von beschwerlichen Gedanken über Geschlechterverhältnisse und Machthierarchien. „Was war da los in Ihrem Kopf?“, frage ich ihn. Erst war er sprachlos, dann verunsichert, dann neugierig. „Hm“, sagte er.

Mein Erlebnis steht für viele. Es gibt Dutzende Studien zum Thema, wie divers die Wissenschaft ist – wie unterschiedlich also die Menschen sind, die forschen und lehren. All diese Studien zählen immer wieder neu: Frauen, Ostdeutsche, People of Color. Alte, Junge, Queere, Aufsteiger, Berufsumsteiger. Am Ende steht immer dieselbe Erkenntnis: Universitäten und Forschungseinrichtungen sind, auf der ganzen Welt, extrem homogen – in Bezug auf das Geschlecht, die Ethnizität, die soziale Herkunft. Wer irgendwie anders ist, hat schlechtere Chancen auf eine Professur, auf wissenschaftliche Auszeichnungen, auf den Zugang zu Forschungsgeldern und auf einflussreiche Positionen. Und offenbar erstrecken sich diese Normierungen bis in den Wissenschaftsjournalismus.

Ein paar Zahlen: Keine deutsche Universität ist nach einer Frau benannt. Zwei Universitäten (von 120) werden von Ostdeutschen geleitet. Fünf staatliche Hochschulen von einer Person, die im Ausland geboren wurde – das zeigt eine Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung, die diese Woche erscheint. Von den außeruniversitären Forschungseinrichtungen – Max-Planck, Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer – wurde keine je von einer Frau geleitet. 3400 Professoren und Professorinnen in Deutschland (von insgesamt rund 49.000) haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. 24,7 Prozent der Professuren sind mit einer Frau besetzt. Jede zehnte Professur hat eine Person inne, die aus einer Arbeiterfamilie kommt.

Wissenschaft soll den Blick der Menschheit weiten. Sie soll beobachten, analysieren, hinterfragen, neu denken. Kann das gelingen, wenn ein großer Teil der Menschheit – mit seinen Erfahrungen, Perspektiven und Möglichkeiten – nicht oder deutlich seltener an diesem Prozess teilhat? Wie belastbar ist eine Wissenschaft, die auf dem Geist eines kleinen Teils der Menschheit beruht?

Hochschulen, Forschungsorganisationen und Stiftungen wissen um dieses Problem. Schon seit einigen Jahren werben sie um Frauen, ermutigen Arbeiterkinder, hissen Regenbogenflaggen. Das ist ein Erfolg, der für institutionelle und intellektuelle Beweglichkeit steht. Die „Invasion der Weiber“ an der Universität, vor welcher der Historiker Heinrich von Treitschke 1899 warnte, ist in vollem Gange.

Doch hinter dieser warmen Welle an Diversitätsfreundlichkeit verbirgt sich ein Konflikt. Er sollte offensiv verhandelt werden: Ist Forschung tatsächlich abhängig von der Identität des Forschers? Zwei plus zwei ist immer vier – egal, wer diese Rechnung anstellt. Identitätspolitische Forderungen, die nach einer breiten Repräsentation aller sozialen, geschlechtlichen, ethnischen Gruppen streben, laufen in der Forschung auf Grund. Denn die Wissenschaft ist kein demokratisches, sondern ein meritokratisches System: Der beste Gedanke soll gelten. Es geht allein um die Sache, um Objektivität. Oder?

Diese Prämisse hat eine Geschichte. Sie beginnt im 19. Jahrhundert. Jener Zeit, die heute als Anfang der modernen Wissenschaften gilt, weil sich damals Fächer im heutigen Sinne formierten: die Geschichts- und die Ingenieurwissenschaften, die Unterdisziplinen in den Natur- und Geisteswissenschaften. Neue Methoden wurden ausprobiert, Messverfahren standardisiert, wissenschaftliche Normen etabliert. Und ein erkenntnistheoretisches Problem musste geklärt werden: man selbst. Die Wissenschaftler sorgten sich, dass ihre eigenen Neigungen, Idealisierungen, sogar ihr Körper, dass also subjektive Begrenzungen ihre wissenschaftliche Arbeit verzerren. Die Lösung: Objektivität! Sie galt als neues Ideal. Jeder Versuchsaufbau, jede Studie und Analyse sollte fortan diesem Anspruch gerecht werden. Im Wörterbuch der deutschen Sprache – es verzeichnet den deutschen Wortschatz seit 1600 – kann man deutlich sehen, wie die Verwendung des Begriffs „Objektivität“ mit der Aufklärung rasant ansteigt und Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt findet.

Zur selben Zeit passierte noch etwas anderes, das die moderne Gesellschaft und ihr Bildungssystem prägen sollte: Im Bürgertum bildet sich ab 1800 eine neue Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern aus. Weiblichkeit wird damals verknüpft mit Häuslichkeit, Körperlichkeit, Empfindsamkeit. Männlichkeit mit Öffentlichkeit, Geistigkeit, Objektivität. Diese Differenz verankert sich im Sozial-, Arbeits- und Rechtssystem als „Polarisierung von ›Heim‹ und ›Welt‹“, wie die Historikerin Karin Hausen 1976 in einem Aufsatz schrieb.

Diese Polarisierung organisierte auch die Wissenschaft. Frauen wurden von der Universität ausgeschlossen, weil sie nicht in die öffentliche Sphäre gehörten, also auch nicht in den Hörsaal. Je vehementer die erste Frauenbewegung ab Ende des 19. Jahrhunderts diesen Zugang einforderte, desto schärfer wurde gewarnt vor dem „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ (so hieß ein Essay des Psychiaters Paul Möbius von 1900). In Streitschriften und Wutreden erinnerte man die Frauen an ihre weiblichen Pflichten, zuvorderst die Mutterschaft. Die Identität der Frau war damit dezidiert leiblich markiert.

Zwei Dinge also verwoben sich ineinander. Erstens etablierte sich ein Paradigma moderner Wissenschaften. Es besagt: Forschung ist, wenn wir den Forscher herausrechnen, seine Herkunft, seine Individualität, seine Perspektive, seinen Leib. Und zweitens: Frauen sind leider – ein Leib. Die Ordinarien des 19. Jahrhunderts haben das clever gelöst. Erst haben sie ein erkenntnistheoretisches Problem identifiziert, es dann von sich selbst abgespalten und den Frauen angehängt. Fortan galt: Männer haben einen Körper, Frauen sind ein Körper. Wissenschaftler aber sollen große Geister sein.

Karin Hausen bezeichnete diese kulturgeschichtliche Entwicklung als „Herrschaftsideologie“. Herrschende Herren. Man muss in den Universitäten nur ein Audimax betreten, um zu wissen, dass ihre Regeln immer noch gelten. In Oxford hörte ich einmal den Vortrag einer Professorin. Eine Koryphäe, großer Geist, kleiner Körper. Sie verschwand förmlich hinter dem protzigen Pult im Hörsaal, als wollte es die Frau verkleinern, die es wagte, an ihm zu sprechen. Als sie hinter dem Pult hervortrat und kommentierte, dieser Hörsaal sei für eine Frau wie sie wohl nicht gebaut worden – um dann, frei im Raum stehend, ihren Vortrag zu halten, dachte ich: So muss man es machen. Sich die Bühne nehmen. Blöd nur, wenn man eine Bühne betritt und zuerst daran erinnert wird, hier ein Fremdkörper zu sein.

Das „System Wissenschaft“ reguliert bis heute – mal mehr, mal weniger subtil –, wer dazugehört. Wer auffällt, wer anders ist. Die Frau. Die Person mit dem Afro. Der Mann mit dem Nagellack. Die Professorin mit Kind. Die Professorin ohne Kind. Der Ossi. Die Person, die als erste in ihrer Familie Abitur gemacht hat. Der mit den türkischen Eltern.

Auch diese Menschen arbeiten heute an den Universitäten dieser Welt. Sie studieren, forschen und lehren, gewinnen Preise. Der Normalfall sind sie nicht. Bis heute markieren sie einen Bruch mit der Tradition, einfach weil sie sind, wie sie sind. Das gilt inzwischen weniger auf studentischer Ebene – seit der Bildungsexpansion wurde der Zugang zur Hochschule immer breiter. Doch je höher die akademische Position – Promotion, Habilitation, Professur, Uni-Präsident, Nobelpreisträger –, desto homogener wird die Gruppe, die es bis dorthin schafft. Das System normiert sich selbst. Die institutionelle und politische Antwort darauf erschöpft sich bislang in einer vordergründig progressiven, in Wahrheit aber oft wohlmeinenden Rhetorik der Inklusion: Klar doch, alle sollen dazugehören! Es reicht aber nicht, einfach nur dazugehören zu dürfen. Es geht darum, jene Bedingungen infrage zu stellen, die „akademische Zugehörigkeit“ möglich machen. Es geht darum, Hürden sichtbar zu machen, die nicht alle gleichermaßen überspringen müssen.

In den feministischen Diskussionen um die Sorgearbeit gibt es seit einiger Zeit den Begriff „Mental Load“. Die mentale Last, das sind die hundert kleinen Dinge, die in einem Familienleben organisiert werden müssen: schnell noch Windeln kaufen; für die Mutter bei der Krankenkasse anrufen; den Geburtstagskuchen backen. Meistens sind es Frauen, die diese Dinge in ihrem Gehirn herumschleppen – zusätzlich zu allem, was sie jonglieren, wenn sie ein Labor leiten, ein Buch schreiben oder eine Vorlesung vorbereiten. Die Rechnung ist so simpel wie hart: Das führt zu einem geringeren wissenschaftlichen Output. Die Corona-Krise hat dieses Problem verstärkt. Studien zeigen, dass die Doppelbelastung von Kinderbetreuung und Arbeit bei den Wissenschaftlerinnen im vergangenen Jahr zu einem Einbruch ihrer Publikationstätigkeiten führte.

Es gibt auch einen „akademischen Mental Load“. Das sind die weiteren unzähligen Dinge, die man im Kopf hat, wenn man als eine Person in die Wissenschaft eintritt, die dort – kulturgeschichtlich gesehen – fremd ist. Sie führen zu einem fast quälenden Hyperbewusstsein, wer man ist, was sich gehört, wie man im gesellschaftlichen Gefüge positioniert ist: Wieso bin ich hier die Einzige mit Kopftuch? Wie kriegt man ein Stipendium? Wie spricht man einen bedeutenden Professor an? Kann ich im Kleid eine Keynote halten? Wer ist eigentlich dieser Bourdieu, von dem alle reden, und habe ich auch einen sogenannten Habitus? Solche Fragen belegen die innere Festplatte, rauben Selbstvertrauen und Unbeschwertheit.

Sie sind aber auch eine Ressource. Für den Stolz, sich durchgekämpft zu haben. Sich gebildet, etwas verändert zu haben – die Gesellschaft, die Wissenschaft. Diese Ressource ist wichtig nicht nur für die Forschung, sondern vor allem für die Lehre und die Vermittlung von Wissenschaft. Je unterschiedlicher jene sind, die an Hochschulen und Forschungseinrichtungen arbeiten, umso mehr Menschen der Gesellschaft können sie erreichen. Im richtigen Ton, nicht von oben herab. In dem Zeitalter, in dem wir leben, in dem globale Krisen um die Welt fegen und wissenschaftliches Wissen immer bedeutender wird, ist das überlebenswichtig. Denn von ihrer Offenheit für die gesamte Bevölkerung hängt auch die Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Institutionen ab.

Doch die Frage bleibt: Sollte man die Identität eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin thematisieren? Die Objektivität wissenschaftlicher Arbeit anzustreben ist eine Errungenschaft, die gültig bleibt. Wissen muss überprüfbar sein. Verifizierung, Falsifizierung. Die Person, die dieses Wissen erschafft, ist sekundär. Die Identität einer Forscherin zu betonen, gar zu politisieren, wird immer wie ein Makel scheinen, der ablenkt vom Wesentlichen: „Endlich eine Chemie-Nobelpreisträgerin!“ Wofür wird man da eigentlich geehrt?

Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Ann Finkbeiner schrieb darüber einmal einen Essay. Sie hatte den Auftrag bekommen, eine Astronomin zu porträtieren, hatte aber keine Lust auf die Frauenfrage: „I’m sick of writing about it“,es kotzt mich an, darüber zu schreiben. Ich werde, kündigte sie an, nicht einmal erwähnen, dass diese Forscherin eine Frau ist. Auch nicht, was ihr Ehemann macht, wie sie ihre Kinderbetreuung organisiert, wie sie sich in der Männerwelt Physik durchgesetzt hat. „Ich werde einfach in Bezug auf ihr Geschlecht ungeheuer ignorant sein.“ Die Astronomin, die Finkbeiner porträtierte, war Andrea Ghez. Nobelpreis für Physik 2020.

Ein sympathischer Ansatz. Ich bin als Journalistin oft genervt von mir selbst, wenn ich Wissenschaftlerinnen auf ihr Frausein stoße – wenn ich nach ihren Kindern frage, ihrer Work-Life-Balance, ihrem Outfit, diesem ganzen 19.-Jahrhundert-Zeug. Weg damit, das Gedöns einfach totschweigen? Ich glaube, dass das nicht der richtige Weg ist: so zu tun, als spielte das alles keine Rolle. Denn die eigene Identität, sein Geschlecht, seine Hautfarbe und Herkunft, all das wird man nicht los. Diese Faktoren prägen, wie man eine Vorlesung hält, eine Dissertation betreut, sein Forschungsteam leitet und eine Hochschule führt.

Identität muss thematisiert werden, weil sie die Wissenschaft prägt. Identität muss aber auch dethematisiert werden, weil sie eine Belastung ist für die geistige Kapazität, die man zum Forschen braucht. Wie also löst man diesen Konflikt? Nicht durch generöse Quotierungen von Professuren oder Nobelpreisen. Und nicht, indem bestimmte Gruppen bevorzugt werden. Denn auch die positive Festschreibung derer, die als „anders“ und „förderungswürdig“ gelten, stabilisiert ein verkrustetes System. Das bedeutet nicht, über Diversität in der Wissenschaft nicht mehr zu reden oder gar all jene Workshops, Stipendien, Förderprogramme abzuschaffen, die Extrahürden abzubauen versuchen. Nur eines muss sich ändern: wer über dieses Thema spricht. Bislang bürden sich die Komplexität, Historie und Nervigkeit dieser Debatte nur wenige auf. Wer selten darüber redet, oft auch erstaunlich wenig darüber weiß: männliche Professoren, westdeutsche Hochschulpräsidenten, weiße Nobelpreisträger, Forscher in dritter Forschergeneration. Als seien sie einfach nicht betroffen. Man würde so gerne hören, was sie zu sagen haben über ihre Kinder, ihr Mannsein, ihre Haushaltspflichten, ihre Work-Life-Balance, ihr Outfit.

Ich hatte also den besagten Professor angerufen. Um all diese Gedanken in seinen Mental-Load-Rucksack zu packen. Er entschuldigte sich, dass er mich als „die Maske“ angesprochen hatte, „das tut mir sehr leid“. Ein Raum öffnete sich in diesem Gespräch. „Als Mann“, sagte mir der Professor, „denkt man über sich selbst und sein Geschlecht nicht nach. Man glaubt, alle ticken wie man selbst.“

Gleichtakt ist der Tod wissenschaftlichen Denkens. Dissonanz aber ist die Melodie der Aufklärung. Sie erweitert die beengenden Vorstellungen dessen, was wir für normal und denkbar halten.

Der Essay ist die erweiterte Fassung einer Rede, die die Autorin im Rahmen der Klartext-Preisverleihung für Wissenschaftskommunikation der Klaus Tschira Stiftung gehalten hat. Er ist erschienen in der Ausgabe 10/2021 der Wochenzeitung DIE ZEIT.
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